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Wagner und die „alte“ Musik

Liebe Musikfreunde,

gerade findet in Bayreuth das wunderbare Festival BAYREUTH BAROQUE statt – mit dem, was man früher „Alte Musik“ nannte (merke: Musik, die live gespielt wird, ist immer neu).

Kannte, schätzte Wagner die sog. „alte“ Musik? Gluck dürfte für ihn schon ein Alter gewesen sein, aber es gibt doch einige wenige Komponisten der Vergangenheit, mit denen er sich nachweislich intensiv beschäftigt hat: zuerst Bach, dann – in Paris – Pergolesi – und Palestrina, ein ganz „alter“. Die Bearbeitung von Palestrinas Stabat mater sollte, in Zusammenhang mit einem Dresdner Konzert am 8. März 1848, dem „ernsten Kunstgenuss“ dienstbar gemacht werden, wie es in Mein Leben schrieb, indem Wagner, „da das Original gänzlich ohne alle Bezeichnung des Vertrages ist, […] die alte Vortragsweise, durch welche bekanntlich auch dies wundervolle Werk in der Karwoche zu Rom dereinst so wunderbar ergreifende Wirkung hervorgebracht haben soll“, ergänzte (Briefe, Bd. 10, S. 256). Man kann das heute noch hören, denn es gibt eine Aufnahme von Wagners Bearbeitung: https://www.youtube.com/watch?v=bm1eq16KkSo

Diese Eingriffe waren beträchtlich: die doppelchörige Sequenz löste Wagner in eine Monodie aus Führungsstimme mit harmonischer Begleitung auf, um die Vorlage der dynamischen und tempomäßigen Zerbröckelung auszusetzen. Der genuin unpalestrinasche Stil der Bearbeitung ist das Zeugnis einer „romantischen“ Auffassung, indem Wagner orchestrale Wirkungen auf den Chor übertrug. Er modernisierte (etwa durch Stimmverdoppelungen) den Stil Palestrinas, um die alte Satzkunst dem zeitgenössischen Empfinden verstehbar zu machen. Diese Bearbeitung eines kirchenmusikalischen Werks blieb einzigartig innerhalb des Corpus‘ seiner Bearbeitungen. Faszinierend aber ist es, dass die Beschäftigung mit der Vorlage eine Wirkung auf ein eigenes, musikdramatisches Werk hatte: mehrere Varianten des Gralsmotivs des Parsifal enthalten einen Anklang an Palestrinas Stabat mater – womit noch am Schluss seiner Laufbahn die Bedeutung der Werke des BearbeitersWagner für den Komponisten Wagner hörbar wurde.

Alte Musik? Aber oho!

Beste Grüße

Frank Piontek

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