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Richard Wagner lesend, Zeichnung von Paul von Joukowsky am Abend des 12. Februar 1883

Herzlichen Glückwunsch, lieber Bernd Weikl!

Unser Ehrenmitglied Kammersänger Prof. Bernd Weikl feiert am 29.07.2022 seinen 80igsten Geburtstag. Aus diesem Anlass senden wir von Herzen unsere Glückwünsche! Seinen Geburtstag wollen wir zum Anlass nehmen, uns eines in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Künstlers zu erinnern, der in den mehr als 30 Jahren seiner sängerischen Laufbahn international als "Maßstab" und erster Repräsentant seines Faches galt - und dies in mehrfacher Hinsicht. Sein Repertoire deckt sowohl das deutsche wie das italienische Fach ab, daher umfasst es wohl mehr Partien, als je von einem anderen Sänger gesungen wurden. Dies gilt wohl auch für die Anzahl seiner Auftritte, mit denen er in der ganzen Welt zum umjubelten Star wurde. Keine bedeutende Bühne, die er nicht mit seiner warmen, samtweichen und dennoch belastbaren Stimme zum Ort außergewöhnlicher Opernabende werden ließ. Über 25 Jahre hat Bernd Weikl mit seiner Kunst das stimmliche Niveau der Bayreuther Festspiele mitgeprägt. Dort debütierte er 1972 als Wolfram im Tannhäuser, dort sang er alle Partien seines Faches und wurde dort 1981 zur veritablen Verkörperung des Hans Sachs. Diese Partie wird für immer mit ihm verbunden sein. Er sang sie unglaubliche 163 Mal! Wie kein zweiter steht Bernd Weikl für die belcantistische Form des Wagner-Gesangs, eine in unserer Gegenwart kaum noch vorhandene Tugend. Leider!

Kammersänger Prof. Bernd Weikl ist aber nicht nur herausragender "Sänger", er ist ebenso ein in die Gesellschaft hinein wirkender "Denker". Seine streitbaren Einlassungen zu Fragen kultursoziologischer Entwicklung unserer Gesellschaft, zu Problemen der künstlerischen Hochschulausbildung und sein Eintreten für das Verständnis von Wagners Werk und Wirkung sind unverzichtbar.

Der Hamburger Richard Wagner-Verband ist glücklich und stolz zugleich, Bernd Weikl, diesen einzigartigen Wagner-, Strauss- und Verdi-Sänger, Ehrenmitglied nennen zu dürfen.

Lieber Bernd Weikl, von Herzen alles Gute!

Frank Sarnowski

  



„Walkürenritt und Eurythmie“ – Der anthroposophe Wagner

Bericht über einen denkwürdigen Abend

Der Titel kündigte es bereits an, die Verbindung von Heavy Metal à la Wagner und der anthroposophischen Tanzkunst würden schwerlich eine harmonische Beziehung eingehen. Warum das so ist, warum die rückwärtsgewandte Projektion der Lehre Rudolf Steiners auf das Denken und die Werke Richard Wagners zu falschen Ergebnissen führt und warum es dennoch nachvollziehbare Anknüpfungspunkte zwischen Wagner und Steiner gibt, dazu gab am Montag, den 06.12. 21, Prof. Dr. Dr. h.c.  Udo Bermbach im Saal des Warburg-Hauses hinreichend Auskunft – und zwar streng „wissenschaftlich-humorvoll“!

Es ist nicht ganz einfach in der hier gebotenen Kürze eine Darstellung der Bezüglichkeit zwischen Richard Wagners Denken und Werk einerseits und der Anthroposophie Rudolf Steiners andererseits darzustellen und dabei dem Vortrag von Prof. Dr. Bermbach gerecht zu werden, aber der Versuch  sei dennoch unternommen – nicht ohne die hier schon notwendige Entschuldigung für alle unzulässigen Verknappungen auszusprechen.

Steiners Blick auf Mensch, Sein und Welt ist ein ganzheitlicher, Wagners Anschauung durchaus verwandt, aber dennoch in einem wesentlichen Aspekt völlig unterschieden. Steiner beschreibt in naturwissenschaftlicher Diktion eine komplexe, transzendente Welt in mehreren Entwicklungsstufen, die gänzlich die Grenzen der Erfahrung und der sinnlichen erkennbaren Welt überschreitet, also ein transzendentes Sein jenseits der empirischen Welt unterstellt. Erstaunlich, stellt sich doch die Frage der intersubjektiven Nachprüfbarkeit des „Erschauten“. Der Schlüssel zur Antwort liegt in der Ganzheitlichkeit des Ansatzes, was als methodische Begründung, nicht aber als überzeugendes erkenntnistheoretisches Argument anzusehen ist.

Wagners Blick auf Mensch, Sein und Welt ist also ähnlich ganzheitlich, aber nicht transzendent, also nicht die sinnliche Welt überschreitend, sondern im kantischen Sinn eher „transzendental“, also eine Einheit von Mensch und Natur annehmend, die vor jeder subjektiven Erfahrung dem Sein innewohnt und die Erkenntnis des Gegenständlichen erst ermöglicht. Für Wagner ist die Ganzheitlichkeit des menschlichen Seins, das „Reinmenschliche“, quasi eine conditio humana, die zwar historisch verloren ging, aber durch die Zusammenführung der Künste in einer neuen Ästhetik, dem Gesamtkunstwerk, als Mittel der Rückführung wiedergewonnen werden könne.

Steiner will „Weltganzes“ im Übersinnlichen erkennen, Wagner durch sein „Gesamtkunstwerk“ dem Menschen dessen Ganzheitlichkeit zurückgewinnen. Das sind zwar vollkommen unterschiedliche Konzepte, aber in beiden existieren die Idee der Einheit von Mensch und Natur, der Überwindung des Egoismus und das Ziel einer Gesellschaftsform des „Liebeskommunismus“. Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Wagner und Steiner ist die jeweilige Entwicklung einer eigenen Christologie. Für beide ist die Erscheinung Christi ein kulturhistorischer Einschnitt. Steiner deutet Christus als „Eingeweihten“ im Sinne seiner eigenen Weltanschauung, für Wagner steht der Kreuzestod Christi als „Tat christlicher Liebe“. Soweit zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden.

Die Analyse der Werke Richard Wagners aus dem Geiste der Anthroposophie ist dann aber keine Analyse, die vom Werk Wagners ausgeht, sondern der fragwürdige und wissenschaftlich nicht statthafte Versuch, Wagners Werke in der Analyse dem anthroposophischen Denken unterzuordnen. Das führt in praxi teilweise zu Lesarten der Werke, die mit Wagners eigenen ästhetischen, stofflichen und dramatischen Absichten wenig zu tun haben. In der Konsequenz hat die anthroposophische Exegese der Wagnerschen Werke nie Anschluss an den akademisch-geisteswissenschaftlichen Wagner-Diskurs gefunden. Und dennoch ist der „anthroposophe“ Wagner im Verständnis Rudolf Steiners im Übergang vom 19. Jahrhundert zum zwanzigsten kein intellektuelles Willkür-Produkt. Es eint beide das Bewußtsein vom Verlust der menschlichen Ganzheitlichkeit in einer immer industrieller und arbeitsteiliger werdenden kapitalistischen Gesellschaft, wenn auch die theoretischen Ansätze ihrer Wiedererlangung und das damit verbundene Weltbild gänzlich inkompatibel sind. Übrigens hat der ganzheitliche Blick auf die Einheit von Mensch und Natur in der Übergangsphase der Jahrhundertwende durchaus Konjunktur und stellt sich stark abgrenzend gegen die ansonsten herrschende positivistische Wissenschaftstheorie.

Mit seinem in diesem Jahr erschienenen Buch „Der anthroposophe Wagner“ Rudolf Steiner über Richard Wagner, Verlag Königshausen & Neumann, hat Prof. Dr. Dr. h.c. Udo Bermbach in Ergänzung zu seinen zahlreichen maßstabsetzenden Publikationen der letzten 20 Jahre einen bisher kaum beachteten Aspekt der Wagner-Rezeption aufgegriffen und wissenschaftlich zugänglich gemacht. Davon können diese Zeilen nur einen ansatzweisen Eindruck wiedergeben. Der Hörer seines Vortrags wird notwendigerweise zum Buch greifen wollen, dem Leser dieser kurzen Einführung sei es dringend empfohlen.

Im Anschluss an seinen Vortrag war es dem frisch gewählten, neuen Vorsitzenden des Richard Wagner-Verband Hamburg, Volker Wacker, und allen Anwesenden eine große Freude, Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. Bermbach zum Ehrenmitglied zu erklären, mit Überreichung von Urkunde und Gedenkmünze, so wie es sich gehört! Ein korrektiver Gedanke sei an dieser Stelle angefügt: tatsächlich ehrt Prof. Dr. Bermbach durch seine besondere Mitgliedschaft unseren Hamburger Wagner-Verband. Das macht uns ungeheuer stolz!

In seiner Dankesrede formulierte Prof. Dr. Dr. h.c. Bermbach einen Satz, den ich an dieser Stelle wegen seiner Außerordentlichkeit notwendig zu zitieren halte: „Die Begegnung mit dem Werk Richard Wagners in Mitwelt und Nachwelt ist das größte Bildungserlebnis meines Lebens“. Dieser Aussage kann sich der Verfasser dieser Zeilen und sicher ein großer Teil unserer Mitglieder unisono anschließen. Prof. Dr. Dr. h.c. Udo Bermbach ist nun unser Ehrenmitglied. Tu felix Wagner-Verband Hamburg!

Frank Sarnowski