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Delaroche und Wagner

Liebe Freunde der bundesdeutschen Oper und der Pariser Kunstszene,

ja, die Überhänge… seit Tagen, ach was: seit Wochen liegt das Programmheft der neu ausgewählten Produktion der Festspiele 2021 auf meinem Schreibtisch. Denn es gibt noch etwas nachzutragen in Sachen Fliegender Holländer.

Die Werestchaginas erwähnen da einen interessanten Maler: Wagner schrieb also am 13. September 1865 an Ludwig II., dass die Fotografien, die der Hoffotograf Joseph Albert von der Münchner Aufführung des Holländers gemacht habe, ihm nicht gefielen. Konkret geht es um das Finale: „Es genügt Wagners Ansprüchen nicht, dass Albert die ertrunkene Senta wie die junge Märtyrerin aus dem berühmten Gemälde von Paul Delaroche in Szene setzt.“ Nun wird man, wenn man weitersucht, in besagtem Brief die Information finden, dass es sich um Blätter handelt, „welche auf seine (Alberts) Bestellung durch Piloty’sche Schüler angefertigt worden“ seien. Wagner meinte, dass all diese Abbilder nichts weiter seien als Imitationen bekannter Vorlagen: „Ich habe den Herren nachgewiesen, dass der Tod Sentas ein bekanntes Blatt von Delaroche, den Märtyrertod einer Heiligen darstellend, sei“. Ich habe nach den von Wagner kritisierten „Blättern“ gesucht – natürlich zuerst im Standardwerk der Petzets über die Richard-Wagner-Bühne Ludwigs II. -, allein ich fand vorderhand nichts. Der Name „Delaroche“ aber ließ mich aufmerken, denn Wagner kannte neben der populären Märtyrerin, die man heute im Louvre besichtigen kann, ein anderes, größeres Kunstwerk des Pariser Malers.

Im Pariser Korrespondenzbericht vom 1. Dezember 1841 hat er es ausführlich beschrieben:

Die Aufgabe Delaroches war, für einen in der Ecole des beaux arts eigens zu dem Akt der Preisverteilungen konstruierten, halbrunden Saal ein Gemälde zu liefern, welches den ganzen Halbkreis desselben ausfülle und die Verteilung der Preise für die bildenden Künste selbst zum Gegenstand habe. (…)  In den Mittelpunkt des großen Halbzirkels hat Delaroche die drei Heroen der griechischen bildenden Kunst, den Maler Apelles, den Bildhauer Phidias und den Architekten Iktinus als Kunstrichter gestellt; sie bestimmen die Preise, welche eine ganz in den Vordergrund gestellte Jungfrau austeilt, indem sie gleichsam aus dem Rahmen des Bildes heraus Lorbeerkränze wirst. Zu den drei Kunstrichtern hinauf führt eine nicht hohe Treppe, an deren Seitengeländern vier herrliche weibliche Figuren gelehnt stehen, die griechische, römische, mittelalterliche und die durch die großen italienischen Meister wiedergeborene Kunst bezeichnend. (…)  Die große Malergruppe zur linken Seite stellt die mehr sinnliche Richtung der Kunst vor, und ihre Hauptfiguren sind Tizian und Rubens; Glanz und Farbenpracht in den Kostümen herrschen hier vor und eine fast nachlässige Heiterkeit breitet sich über das Ganze aus. Die Gruppe der entgegengesetzten Seite spricht dagegen die hochpoetische, ideale Richtung der Malerei aus: Raffael, Leonardo da Vinci treten hier zunächst hervor. (…)

Hat Wagner das Gemälde persönlich sehen können? Möglicherweise wurde ihm vom Malerfreund Ernst Benedikt Kietz Genaueres berichtet, aber der Report aus zweiter Hand schmälert Wagners Beschreibung durchaus nicht. Im Gegenteil: es ist spannend, sich Delaroches Werk durch Wagners Brille genauer anzuschauen – und daran erinnert zu werden, dass der Maler zu jenen Größen des Pariser Salons gehörte, die erst seit wenigen Jahren, auch dank der schönen Münchner Ausstellung Kunst Wahr Schön wieder zu den ernsthaften Protagonisten einer weitgespannten und nicht auf die „Großen“ reduzierten Kunstgeschichte gehört.

Beste Grüße.

Ihr Kunstfreund Richard Wagner

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