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Claudia Petersen

AN DIE „THEUERSTE NICHTE“ – DIE BRIEFE COSIMA WAGNERS AN TONI PETERSEN

„Seltsam ist dabei der gänzlich mangelnde Einfluss der bedeutenden Männer über die Frauen, als ob sie gar nicht zueinander gehörten, gehen sie nebeneinander her.“

War Cosima Wagner eine Frau, die ihrem „bedeutenden Mann“ gehörte? Wir finden diesen Satz in einem Brief, den die Frau Richard Wagners am 12. Juni 1874 an Toni Petersen schrieb – enthalten in einem Konvolut von 71 Schreiben, die vor allem zwischen 1873 und 1881 geschrieben wurden, bevor der Kontakt fast vollständig erstarb. Es lag nicht allein an Cosima Wagner – es lag auch an der Adressatin, die sich im Lauf der Jahre und der Zuwendung zu einer anderen neuen Musik (der des Hamburgers Johannes Brahms) von Bayreuth emanzipiert hatte. Man kann das alles genau nachlesen: in der exzellenten Biographie der Hamburger Bürgermeistertochter Toni Petersen, die die Nachfahrin Claudia Graciela Petersen 2018 vorlegte („Die Tochter des ‚Dogen’“). Nun also kann man, wiederum herausgegeben von C.G. Petersen, sämtliche Briefe studieren, die damals von Franken in den Norden gingen, während die Briefe Toni Petersens, warum auch immer, nicht mehr in Bayreuth vorhanden sind. Wurden sie bei einem der Autodafés vernichtet, die Cosima zusammen mit ihrer Tochter und Sekretärin Eva nach Richard Wagners Tod veranstaltet hat? War die Beziehung zur 1909 verstorbenen Frau, die sich so intensiv für das „Bayreuther Werk“ und die Finanzierung der ersten Bayreuther Festspiele eingesetzt hatte, irgendwann auch ideell aufgebraucht?

Cosima Wagner hat, wenn nicht alles täuscht, immer noch einen schlechten Ruf. Dass er zugleich wohlverdient und gleichzeitig schwer korrekturbedürftig ist, weil Cosima Wagner gelegentlich liberale Züge zeigte, die die Cosimahasser ihr nicht zutrauen würden, belegen nicht zum Wenigsten die vorliegenden Briefbände; dies ist der zehnte, der den Strauss-, Levi-, Chamberlain-, Humperdinck-, Daniela-, Ludwig II-, Helene von Heldburg-, Hohenlohe-Editionen und dem „Zweiten Leben“ nachfolgt. Petersens Editionsarbeit ist – abgesehen davon, dass wir nicht erfahren, dass die Originale der Korrespondenz im Petersen-Familienarchiv liegen – vorbildlich. Wieder, wie in der Petersen-Biographie, haben wir es mit einem bildlich reich und farblich gut ausgestatteten, also in jedem Sinne schönen Buch zu tun, in dem man die relevanten Informationen über die vielen erwähnten Persönlichkeiten aus Kunst und Politik, Kultur und Philosophie, in den dazugehörigen Fußnoten und die Erläuterungen zu den verhandelten „faits divers“ in den Zwischentexten findet. In der Erzählung aber finden sich erst die Zusammenhänge zwischen den relativ seltenen Lebens- und Lektüre- und Betrachtungsstationen, die das Beziehungsgeflecht zwischen den beiden Frauen, aber auch zwischen Hamburg und Bayreuth markieren: zwischen Geist und Geschäft, Alltag- und Feiertag, Kunst und Küche, Heimat und Ferne, London und Italien, Festspiel und Familie (wer weiß schon, dass Richard Wagner über sechs Ecken mit Matthias Claudius verwandt war?).

Ging es zunächst vor allem um jene „Nöthe und Sorgen“ (O-Ton Richard Wagner in einem seiner typischen Widmungsverse, diesmal an die Hamburger Förderin), die mit den hanseatischen Patronatsgeschäften und dem Kaufmann Adolph Nicolaus Zacharias zusammenhingen, so öffnete sich schon früh das Gespräch in Richtung Literatur, Religion und Herzensbildung. Wer die breit angelegten Überlegungen zu den theologischen Werken, die Cosima Wagner, die sich, obwohl nur zwei Jahre älter, als „Tante“ verstand, ihrer „Nichte“ zur Lektüre empfahl, für Cosima Wagners Privatsache hält, verkennt, dass ihr Mann gleichzeitig ein letztes „Bühnenweihfestspiel“ plante und schließlich komponierte, in dem es zentral um die Idee einer neuen Mitleids-Religion auf der Basis eines gelichteten, protestantisch und buddhistisch inspirierten und doch freien Christentums geht. Ihre Anmerkungen zu den Schriften Nietzsches, der eine Polemik gegen D.F. Strauss‘ Christologie schrieb, zu den Werken Overbecks und Eugénie de Guérins ergänzen nicht allein das Tagebuch Cosima Wagners – sie gehören auf eine sehr spezielle Weise zum Bayreuther Kosmos und zur Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts zwischen Bismarck und den Ultramontanen. Kommen hinzu jene Anmerkungen zur „Socialdemokratie“, die das ergänzen, was abends in Cosima Wagners Lila Salon ins Diarium geschrieben wurde: als durchaus differenzierte Sicht auf eine neuere politisch-soziale Bewegung, die in Cosima Wagners Entsagungsphilosophie nicht wirklich bedeutend sein konnte, und dies auch, weil man und frau zunächst noch Bismarck verehrte.

Die Briefe aber bieten nicht nur eine geistige und, mit ihren gelegentlichen Hinweisen auf die Vor- und Hauptproben der Festspiele und auf diverse Tee-, Zigarren- und Köchinnenbestellungen, materielle Innenschau auf das Bayreuth der Gründerjahre, die die Tagebücher und die anderen Quellen gut ergänzen. Sie präsentieren vor allem, nicht zuletzt dank der Kommentare und Bildquellen, eine wagnerianische Sicht auf das Hamburger Musik- und Theaterleben der 1870er Jahre, in denen das Stadttheater neu eröffnet wurde und der Walkürenritt im Circus Renz performt wurde. Die Leserin erfährt, dass Carl Brandt, der erste Technische Direktor der ersten Festspiele, auch in Hamburg tätig war, während einzelne Bayreuther Künstler an der Alster auf der Bühne oder, wie Anton Seidl, am Pult standen. Sie kann sich ein Foto anschauen, das, freilich in einer baulich stark veränderten Ansicht, jene Passage der Dammtorallee zeigt, bei der Wagner 1844 gewohnt hatte (eine Information, die sich so genau nicht in Kiesels et.al. Wagner-Reisebuch „Wandrer heißt mich die Welt“ findet).  Zu den Funden gehört auch eine witzige Anmerkung Prosper Mérimées zum Pariser „Tannhäuser“ und eine freundliche Einschätzung von „Carmen“ – der Novelle und der Oper, die, so die Kritikerin, „überall hübsch“ sei, „wo sie nicht ins Pathetische geht“. Und Parsifal-Aficionados bekommen einige seltenere Fotos geschenkt, die die Uraufführung dokumentieren – vor allem aber eine Cosima Wagner, um die zu bemühen sich aus vielen Gründen lohnt: nicht allein aus richardwagnerischen.

Claudia Graciela Petersen: An die „theuerste Nichte“. Cosima Wagner im Spiegel ihrer Korrespondenz mit der Hamburger Bürgermeistertochter Antonie Petersen. Leipziger Universitätsverlag, 2020. 251 Seiten, 72 Bilder und 31 Seiten Brieffaksimile.

Frank Piontek, 22.12. 2020

Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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