Deutschland feiert den 200.Geburtstag von Richard Wagner mit „Hui“ und „Pfui“

Suite in drei Sätzen plus Coda

1. Largo amabile

Im Jahr 2013 feierte die Musikwelt den 200. Geburtstag Richard Wagners, des wohl größten deutschen Künstlers des 19. Jahrhunderts, dessen Werke noch heute in der ganzen Welt aufgeführt werden. Sein musikdramatisches Werk hat bis auf den heutigen Tag nichts von seiner Faszination eingebüßt und bleibt für Künstler, Interpreten und Regisseure eine ständige Herausforderung.

Die über 50 Wagnerverbände in Deutschland haben den Jahrestag angemessen und nach ihren Möglichkeiten begangen. Ich kann nur darüber berichten, was mir, ohne viel zu suchen, begegnet ist und was mich beeindruckt hat. Sicher werden die Wagnerverbände in Deutschland den Tag in irgendeiner Weise festlich gestaltet haben. Besonders feierlich muss es in Leipzig zugegangen sein. Dort sprachen der Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, der Ministerpräsident von Sachsen und ein Bundesminister. Katharina Wagner trat als vierte an das Rednerpult, die in ihrer bekannt taktvollen Weise feststellen musste, dass Wagner zwar in Leipzig geboren und daher – in Anspielung auf das Motto der Leipziger Feierlichkeiten – „Richard ein Leipziger“ gewesen sei, aber eben auch ein Bayreuther. Nach dieser Feststellung mit der Bemerkung, sie habe noch einen Termin in Bayreuth, verließ sie den Saal; worauf hin der Generalmusikdirektor diskret darauf hinweisen musste, dass der Chor noch nicht am Orte sei. Man sei gewohnt, dass Reden meist etwas länger dauerten. Kurz, wieder einmal typisch: die Bayreuther Damen haben nicht viel zu sagen und so schleichen sie sich von dannen.

Erfreuliches ist zu erwähnen, zum Beispiel vier Sendungen auf 3sat, nämlich Einführungen in den Ring des Nibelungen, und sicher zwei Bucherscheinungen, einmal Christian Thielemanns „Ein Leben mit Wagner“ und zweitens eine Sonderausgabe der ZEIT, die versucht, Richard Wagner in den vielen Aspekten des Werkes und seiner Person gerecht zu werden. Und zu erwähnen wäre noch ausgerechnet ein Buch von Joachim Köhler, der uns aus einer ganz anderen Perspektive, nämlich als Autor von „Wagners Hitler“, in Erinnerung ist.

Er schreibt ein Buch über den „lachenden Wagner“ höchst amüsant und köstlich. Köhler stellt Wagner vor als Verursacher permanenter Heiterkeit im Freundeskreis. Diese einseitige Darstellung ist kritisch zu sehen wegen der allzu forschen Darstellung Wagnerscher Albernheiten. Angesichts dieser endlos aufgezählten Clownerien erinnere ich mich an eine Anmerkung, die wir bei Thomas Mann finden. Er schreibt, dass Nietzsche bei seinen Eskapaden rot geworden sei, er habe sich für den Clown spielenden Wagner geschämt. Die ständige Sucht, sich im komischem Bereich zu produzieren, sieht Köhler begründet in der Jugend Wagners, der von seinen Spielkameraden oft verspottet wurde wegen des Missverhältnisses zwischen dem großen Kopf und dem kleinen Körper. Es gelang ihm aber, sein Ansehen wiederherzustellen durch drollige Aktionen und durch artistisches Klettern und Balancieren. Leider gelingt es Köhler nicht, über diese komische Seite seines Verhaltens hinaus zu dem Humor zu kommen. Zweifellos besaß Wagner Humor - man denke nur an einige Stellen in den Meistersingern und an Wotans Reaktion in der Walküre auf Frickas Entsetzen anlässlich des Ehebruchs und Inzests. „Wann ward es erlebt, dass leiblich Geschwister sich liebten?“ Ganz trocken - man würde heute sagen echt cool - reagiert Wotan auf diese emphatische Anklage mit dem Satz „heut hast du’s erlebt!“ In den Meistersingern fragt Kothner den Junker Stolzing: „wählt der Herr einen heiligen Stoff?“ worauf Stolzing begeistert antwortet: „Was heilig mir, der Liebe Panier, schwing und sing ich mir zu Hoff!“ Kothner ganz trocken: „Das gilt uns weltlich.“

Ein positives Beispiel auf dem Büchermarkt des Jubiläumsjahres: Es ist das Buch von Christian Thielemann: „Mein Leben mit Wagner“. Ein gelungener Versuch, aus der Sicht des Dirigenten Einblicke in das Werk zu vermitteln und den kapellmeisterlichen Umgang mit Partitur und Orchestermusikern anschaulich darzustellen. Alles sehr lesbar und durch Verzicht auf ein Schwelgen in der musikalischen Fachsprache stets verständlich. Ein Buch, das bei aller Kritik, die durchaus einfließt, auch zu sagen weiß, wo ihm Wagner suspekt ist. Fasziniert ist Thielemann immer wieder von der unglaublichen Nähe der Musik zum Text. Wobei ihm die Orchesterstimmen wichtiger, weil aussagekräftiger als die Melodie sind.

2. Dance macabre, oder: „G. W. heißt die Canaille“

Wir kommen nun zu den ärgerlichen Beispielen. Wir finden sie in den meinungsbildenden Medien bzw. bei einzelnen Personen, die sich zum Sprachrohr für eine bestimmte Sicht der Kultur stilisieren, und dazu gehört in erster Linie der Urenkel Richard Wagners - Gottfried Wagner, der nicht in sachlicher Weise, sondern getrieben von Vorurteilen und Ressentiments verdammt und verurteilt. Im Umschlag seines Buches „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ erklärt er unverfroren die Intention dieses Buches. Ich zitiere: Zu Wagners Jubeljahr „versalzt Gottfried Wagner den Bayreuther Gralshütern die Festsuppe“, so der Text auf dem Buchumschlag - eine seltsame Motivation, ein Buch zu schreiben. Mit dem Pamphlet werden wir uns in den folgenden Zeilen kritisch auseinandersetzen.

Zweites Ärgernis: ein Gespräch in NDR Kultur zum Thema „Wagner! Wonne oder Wahn?“ am 30. April 2013, in dem der Redakteur Ulrich Kühn ein Gespräch mit Gottfried Wagner und Udo Bermbach moderiert. Auf dieses Gespräch werde ich gründlich eingehen.

Zum dritten fällt mir die problematischste Würdigung dieses Jubiläumsfestes ein: Die Inszenierung von Hans Castorfs Ring des Nibelungen im Bayreuther Festspielhaus. Hier werde ich vor allem Pressestimmen zu Worte kommen lassen.

Äußerungen von Wagners Verhältnis zum Judentum werden vor allem festgemacht an seiner unheilvollen Schrift „Das Judentum in der Musik“. Diese antisemitische Schrift ist mehr als ärgerlich. Ebenso ärgerlich ist, wie sich manche unbedeutende Autoren bemüßigt fühlen, ihre Ressentiments gegenüber Wagner allein auf die Rezeptionsgeschichte seines Werkes zu gründen. Und was für eine kuriose Welt: Da feiert einer der größten deutschen Künstler seinen 200. Geburtstag, und dann möchten einige Wenige den Feiernden den Spaß verderben, indem sie sich in der Aufzählung negativer Eigenschaften des Jubilars überbieten.

Einen Höhepunkt dieses Schmähgezeters leistete sich Wagners Urenkel Gottfried in seinem bereits erwähnten, 2013 erschienenen Buch. Seite 7: „Sein autoritär antidemokratisches, rassistisches und frauenfeindliches Erbe ist anachronistisch, inhuman und antieuropäisch, ein strahlender Giftschrank aus der Vergangenheit, den es verantwortungsvoll zu entsorgen gilt“.

Wenn man einfach kümmerliche Daten aus Wagners Leben zusammen kratzt, ohne sein Werk zu berücksichtigen, ist diese Einseitigkeit sträflich. So ist der Vorwurf der Inhumanität angesichts dessen, was an menschlicher Größe, an Zartheit im gegenseitigen Verstehen, was sich in den Meistersingern zwischen Hans Sachs und Eva abspielt, absurd. Es ist ein Geschehen, das Goethe „verteufelt human“ genannt haben könnte. Wie anders kann man das Vorspiel zum dritten Akt erklären als ein Beispiel reiner Menschlichkeit, wenn das Schusterlied (Eva im zweiten Akt „mich schmerzt das Lied“) im vollen Bläsersatz des Wach-auf-Chores tröstlich beantwortet wird. Und ein Grundmotiv, das Mitleid, das vom Holländer bis zum Parsifal sein dramaturgisches Werk geprägt hat, veranlasste immerhin den Wagnerapologeten und schärfsten Kritiker Friedrich Nietzsche zu der Bemerkung, Wagner zu sehen als „Orpheus allen heimlichen Elends“. (Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Bd. 2) (Und ich bin plötzlich, ohne es zu wollen in eine Art von Buchkritik hineingeraten. Das sollte sie allerdings nicht sein, aber ich musste irgendwie meine Empörung abarbeiten, die sich bei der Lektüre dieses Buches eingestellt hatte.)

In NDR Kultur zum Thema „Wagner! Wonne oder Wahn?“ am 30. April 2013 war Redakteur Kühn im Gespräch mit Gottfried Wagner und Udo Bermbach. Von Ulrich Kühn zu dem oben zitierten Text (S. 7) befragt, ob er das geschrieben habe, antwortete der Urenkel in kindisch trotzigem Ton: „und ich stehe auch dazu“. Ja, was denn sonst? Solcher Bestätigung brauchte es eigentlich nicht. Befragt, was sich der Autor unter „Entsorgung“ vorzustellen habe, bezog er sich in seiner Antwort auf das Verhältnis zu Bayreuth, woraus etwa zu entnehmen war, dass er nicht mit der Vergangenheitsbewältigung des Hauses einverstanden war. Der Begriff Entsorgung wurde nicht zurückgenommen, aber festzuhalten ist, dass jedes Wort dieses Zitates dem Verfasser bei vorurteilsloser Betrachtung Leid tun müsste. Ausgerechnet Wagner wirft er antieuropäisches Verhalten vor. Kein geringerer als Thomas Mann hatte 1933 festgestellt, dass in Wagner durchaus etwas Kosmopolitisches stecke. Thomas Mann hat sich mit dieser Formulierung den Unwillen der Nazis zugezogen, und nicht zuletzt war das ein Grund, warum er wegen dieser und anderer Aussagen in seinem Essay „Leiden und Größe Richard Wagners“ politisch unerwünscht war und nicht mehr nach Deutschland zurückkehrte.

Und so klingt es bei Gottfried Wagner, wenn er sich dem Werk zuwendet: Die Wiederaufnahme des Kirchenmusikalischen „ist nicht bloß eine Referenz gegenüber dem Werk des historischen Schuhmachers und Meistersingers Hans Sachs, die Überhöhung diente Wagner dazu, seine eigene giftige Weltanschauung vor aller Augen und Ohren zu sakralisieren“. (S.183) Richard Wagner spricht in diesem Zusammenhang von „angewandtem Bach.“

Im Sommer 1933 anlässlich der Übertragung der Meistersinger aus Bayreuth verstieg sich der damalige Propagandaminister Joseph Goebbels zu den folgenden Ausführungen. Gottfried Wagner schreibt: „Er preist den aufrüttelnden Massenchor ‚Wach´ auf, es nahet gen dem Tag’ [Anm. des Autors: Gottfried Wagner ist nicht einmal in der Lage, die von Wagner übernommenen Worte Martin Luthers ‚es nahet gen den Tag’ korrekt wiederzugeben!] als greifbares Symbol des Wiedererwachens des deutschen Volkes aus der tiefen politischen und seelischen Narkose des Novembers 1918. Goebbels beendet seine Rede mit den Schlussworten von Hans Sachs ‚Zerging in Dunst das Heilige Römische Reich …’ In den ‚Kriegsfestspielen’ ab 1940 wurden die Meistersinger von Nürnberg als Droge für Wehrmachtssoldaten im Einsatz für den Endsieg instrumentalisiert.“ Die Verkopplung des Huldigungschores mit der Nazi-Ideologie ist jedoch eine infame Montage, gewissermaßen ein Stilmittel dieses Buches. (S.184f.)

Auch der Ring des Nibelungen wird nur unter dem Gesichtspunkt gesehen, wie weit er die Ideologie des Nationalsozialismus antizipiert. In dem emphatischen Schluss des ersten Aktes der Walküre erkennt Siegmund seine Braut als seine Schwester und in höchster Erregung singt er: „Braut und Schwester bist du dem Bruder - so blühe denn, Wälsungen Blut!“ Dazu schreibt Gottfried Wagner: „In Szene gesetzt wird ein Menschenversuch aus Wotans (und Wagners) arischer Zuchtanstalt -, ein Inzestritual: Die Retortenzwillinge Siegmund und Sieglinde sollen durch die Zeugung des reinrassigen Sohnes Siegfried den späteren ‚Endsieg’ Wotans gegen den Weltverderber Alberich sicherstellen.“ (S. 187) Es erübrigt sich fast, diese Interpretation zu kommentieren – sie richtet sich von selbst.

Ich komme noch einmal auf das NDR-Gespräch zurück. In dem sehr problematischen Gespräch kommt es zu einer peinlichen Szene für Gottfried Wagner. Er schreibt auf S. 218 seines Pamphlets: „Keiner der Wagnerforscher von Bayreuths Gnaden hat sich mit der Ideologie der Bayreuther Blätter jemals ernsthaft auseinandergesetzt, kein Wunder, die stören das Wagner-Bild, das sie sich zurecht gezimmert haben …“ Empört wies Udo Bermbach darauf hin, dass er im letzten Jahre ein 600 Seiten starkes Buch über die Bayreuther Blätter bzw. über deren Wirkungsgeschichte verfasst habe und er fände es skandalös bzw. indiskutabel, dass dieser Beitrag vom Autor Gottfried Wagner einfach nicht zur Kenntnis genommen werde. Immerhin habe man sein Buch zum Sachbuch des Jahres erklärt, und andere Kritiker, die durchaus nicht verdächtig sind, den Bayreuthern nach dem Munde zu reden, haben dieses Buch zu einem wesentlichen Beitrag zur Wagnerforschung erklärt, wie etwa Jens Malte-Fischer.

Überall spürt man in dem Werk von Gottfried Wagner die verteufelt einseitige Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur. Im Literaturverzeichnis vermisst man Autoren, denen mehr einfällt als über die Frage des Antisemitismus bei Wagner zu hadern oder seine narkotische Musik und ihre manipulative Kraft zu beklagen. Diese Autoren setzen sich mit dem Werk auseinander, aber auf eine andere Weise als wir es hier in ein paar Beispielen aus dem Buch von Gottfried Wagner zu lesen bekommen haben.

3. Marcia funèbre: Öl ist ein ganz besonderer Saft

Ich komme nun zu dem wohl problematischsten Beitrag des Wagner-Jahres 2013, der Inszenierung des Ring des Nibelungen von Hans Castorf, Direktor der Berliner Volksbühne. Mit dem guten Willen, nicht mit Vorurteilen, für das es im Vorfeld der Aufführung reichlich Nahrung gab, bin ich Ende Juli nach Bayreuth gefahren und habe zwei durchaus erträgliche Vorstellungen des Rings gesehen. Mein erster Eindruck war: Ich wollte in die Oper gehen und nicht ins Kino. Die permanent Protagonisten filmenden Kameraleute haben mich ganz nervös gemacht. Und das Bild auf der Leinwand entsprach nicht dem heutigen Kinostandard. Und auch ein Platz in der dritten Reihe war nicht gut genug, um zu erkennen, wer oder was gerade gefilmt wurde. Zum einen ist in handlungsreichen Phasen wieder mit Licht gespart worden. Die oft choreografisch hervorragend inszenierten vom Schlachtfeld zurückkehrenden Walküren wurden auf dem Bohrturm, der uns ins Öl-Land Aserbaidschan versetzen sollte, im Dunkeln zu nicht einsichtigen Handlungen verurteilt. So spart man viel Regiearbeit, um den Preis, gutes Theater darzustellen. Nein, es ist auch die Methode zu erkennen, dass Castorf Szenen oder Personen, die ihm nicht gefallen, nicht inszeniert, sondern zwangsläufig sehr spartanisch posieren läßt (laut Vertrag waren ihm weder Striche noch Einfügungen erlaubt). Er darf sie nicht von der Bühne verbannen und so erklärt sich manches Defizit in der Regie.

Ich habe alles vermisst, was den Ring für mich immer ausgemacht hat. Da war nicht die leiseste Spur von Mythos und seine Spiegelung im Schicksal der Protagonisten, von Märchenhaftem im Rheingold, (und wir erinnern uns an Nathans weisen Satz „Nicht Kinder nur speist man mit Märchen ab“), von Macht der Liebe zwischen Siegmund und Sieglinde. Deren innige Gestaltung im Wechselspiel zwischen Bühne und Musik, das ergreifende Abschiednehmen von Vater und Tochter in der Walküre ist in ihrer Entzauberung an mir vorbeigegangen.

Das Gold als damaliges Symbol für Macht und Besitz, ist jetzt das Erdöl. Das leuchtet durchaus ein, doch kommt Erdöl weder in der Musik noch im Text vor. Und so muss das Bühnenbild diesen Bedeutungswandel dokumentieren, und das geschieht unter anderem mit einer Esso-Tankstelle in Texas am Highway 66. Ein gut gebauter Bohrturm stand für den Beginn der globalen Ölausbeutung in Aserbaidschan. Ich habe nach der Walküre die weiteren Vorstellungen meiner Familie überlassen, und kann mich im Weiteren nur auf deren Eindruck und auf die Kritiken führender deutscher Tageszeitungen verlassen. Und ich glaube, dass das folgende Motto wie die folgenden Zitate aus den Feuilletons unserer führenden Tageszeitungen den meisten Zuhörern des gesamten Rings aus dem Herzen gesprochen ist.

Das Motto für die Castorf-Inszenierung liefert Eleonore Bünings Ring-Kritik aus der FAZ August 2013 mit der Überschrift „Gibichungen-Punks in Berlin“: Und deutlich tritt ... zu Tage, was die zersplitterten Castorfschen „Ring“-Ideen zusammenhielt. Es ist der Zynismus desjenigen, der sich auf der richtigen Seite der Geschichte wähnt. Wenn Mythos und Märchen, Geschichten und Gesellschaft, Musik und Politik nur noch Material für die Provokationsbewurstungsmaschine sind, wird die Theaterarbeit zum sinnentleerten pseudoaufklärerischen Ritual.“ Diesen Zynismus zelebrierte Hans Castorf, als er die tosenden Buhrufer einer aufgebrachten Zuschauermenge mit eindeutigen Gebärden quittierte und dem Buh 10 Minuten stand hielt, ohne Rücksicht auf das Orchester, das hinter ihm auf der Bühne wartete, um den verdienten Applaus entgegenzunehmen.“

Am 29. Juli 2013 steht in der WELT als fette Überschrift in der Kritik von Manuel Brug: „Sex, Öl und Videospiele“. Und weiter heißt es: „Nach Rheingold und Walküre steht fest: Frank Castorf und Kirill Petrenko ist in Bayreuth ein Jahrhundertring gelungen.“ Es ist mir ein Rätsel, wie nach den vorangegangenen Schlagwörtern, die Ausdruck einer ungeheuerlichen Trivialität sind, dem Kritiker eine solche Prophezeiung einfallen konnte. Aber so ganz wohl ist ihm doch nicht. Das entnehmen wir seiner bangen Nornenfrage „Wir wissen nicht, wie das wird, was Castorf auf dem Siegfried-Weg zum Berliner Alexanderplatz so einfällt.“. Was er zwei Tage später im Festspielhaus hätte erleben können, wäre gewesen, dass seine Prophezeiung wie eine Seifenblase zerplatzt.

Martin Kettle schreibt in The Guardian und schließt seine Kritik über eine „deliberately incoherent ring cycle“ wie folgt: His Ring had any theme, it was unintentional and only occurred to me after the performance. Castorf seems like a living embodiment of the Ring's villain, Alberich, who steals the gold, renounces love and wants to rule the world. Castorf is a director who took the money, wanted notoriety and tried to face down a public. I know whose side I'm on. I wish that the Wagner half-sisters, Eva and Katharina, who run Bayreuth, were on that side, too. But after seeing this deliberately incoherent Ring cycle, it is hard to believe they are.

Einen bedenkenswerten Beitrag zu diesem Thema finden wir in der Süddeutschen Zeitung vom 2. August 2013. Dort schreibt Andrian Kreye: „Das leidenschaftliche Buh war für ihn die Bestätigung seiner Arbeit. Als Veteran des Regietheaters gehört es zu seinem Auftrag, damit zu provozieren, einen Klassiker neu zu interpretieren und dabei seine eigene Vision über das Werk zu stellen.“ Kreye rechtfertigt die Leidenschaften: „Ob so ein Orkan der Buhs künstlerisch und handwerklich gerechtfertigt war oder nicht – diese Debatte ist Sache der Rezensenten. Grundsätzlich ist es aber egal, in welche Richtung die Leidenschaften aufbrausen. Es geht um die Leidenschaft an sich, denn nur die kann zeigen, dass Kultur vielmehr ist als ein Produkt. Der Sturm der Entrüstung ist wichtiger Teil eines grundlegenden Kreislaufs, in dem sich die Gesellschaft immer wieder infrage stellt und bestätigt.“

Noch einmal Eleonore Büning in der FAZ: „Die bislang wohl schärfste Revision des Chéreau-Rings hat Castorf erarbeitet, wenn man in diesem Fall überhaupt von Arbeit sprechen kann. An die Stelle der Analyse setzt er die Nichtbefassung mit Stoff und Musik. Sinn wird ersetzt durch die Apotheose der Sinnlosigkeit. Ikonographisch regieren diesen Ring Genosse Zufall, das Filmerinnerungszitat und die überbordende Phantasie des Bühnenbildners.“

Das Verständnis des Rings aus seiner mythischen Gestalt heraus, aus der Verbindung mit dem Konflikt zwischen Macht und Liebe, die Geschichte seiner Aufführungen, seiner Geltung innerhalb der Tradition des Musikdramas, das alles findet Büning nicht in dieser Inszenierung wieder; so muss sie deren Sinnlosigkeit postulieren. Sie schließt mit dem Blick ihrer Sinndeutung auf die Castorfsche Inszenierung als eine Apotheose der Sinnlosigkeit. wobei wir uns zuerst fragen müssen: sollten wir den Sinn Castorfscher Intentionen ergründen, und wenn der uns nicht einleuchtet, ist es dann nicht unser Recht zu kritisieren?

Zur Sinndeutung hätte er selbst ein gut Teil beitragen können. Seine Inszenierung und ihre Verschlüsselung sind nicht jedem aufgegangen. Und die Reaktion des Publikums zeigt ja: Wir haben dich nicht verstanden. Du hast nicht deutlich genug zu uns gesprochen. Das ist schon ein Faktum, dem sich Castorf stellen muss. Wenn aber der Sinn darin bestehen sollte, nur eine Ideologie durchzusetzen oder sein Missbehagen an Wagner abzuarbeiten, also von vorne herein eine destruktive Haltung gegenüber der Aufgabe einzunehmen, dann lohnt es sich nicht, nach dem Sinn zu fragen. Ob das hier der Fall ist, wird gründlich zu prüfen sein.

In einem Punkt sind sich alle Kritiker einig: in der überbordenden Begeisterung über die musikalische Gestaltung durch Kirill Petrenko und das erlesene Festspielorchester.

Nach Abschluss meiner Arbeit lernte ich einen Artikel aus dem Feuilleton der Neuen Züricher Zeitung von 18. September 2013 kennen, mit dem Titel „Dr. Jekyll und Mr. Hyde - Richard Wagner heute“. Nach den negativen Erfahrungen mit den oben angesprochenen Texten und Produktionen habe ich diesen Artikel als einen einfühlsamen Blick auf einen gewiß großen Menschen empfunden. Ein verständnisvoller Blick auf die zerrissene Gestalt Richard Wagners, daher auch der Titel, und ein sehr differenzierter Umgang mit seinem Antisemitismus, ein positiver Blick auf sein Werk auch mit den Augen des wagnerkritischen Friedrich Nietzsche, - und als ich dann zum Schluss sehr klein gedruckt den Namen des Autors entdeckte, wusste ich, dass er zu den von Gottfried Wagner geschmähten Intellektuellen gehört. Es war der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer, Thomas Mann- und Wagner-Forscher. Bedauerlicherweise ist dieser Artikel nicht in Deutschland erschienen.

4. Coda. „Dies Bildnis ist abscheulich schön“ – ein nicht gesungener Leserbrief:

“Ein kommunistisches Rushmore” – so leitet das Feuilleton der WELT die ganzseitige Darstellung des Szenenbildes von Wagners Siegfried in der Inszenierung von Frank Castorf (Bayreuth 2013) ein. Es stellt die in Pappmasché gestalteten Köpfe von Marx, Lenin, Stalin und Mao dar. Bei ihrem Anblick müssten 2000 Festspielbesucher sich an den Schrei des Florestan: “Drei Mörder, drei Mörder stehn vor mir” (Fidelio II.) erinnern. Stattdessen beschreibt der Feuilletonist genüsslich, daß die Bilder – also das blutbefleckte Triumvirat – ihren Höhepunkt finden in eben diesem “politischen Manifest” aus Pappmasché. Im Subtext ist zu lesen, daß die Bilder zum Eindrucksvollsten gehören, was seit langem auf einer Opernszene zu sehen war. Anstelle dieses Lobes wäre es sinnvoller gewesen zu erklären, was man unter politischem Manifest konkret zu verstehen habe und in wie weit das Triumvirat in den Kontext des wagnerschen Siegfried gehört.

Das revolutionäre Element ist seit der Konzeption des Rings um 1848 in einer durchaus revolutionär angeheizten Zeit angelegt, und daß man ohne ein blutiges Dreigestirn die politische Dimension deutlich machen kann, hat uns Patrice Chéreau überzeugend dargestellt. Man muß das politische Potenzial nur erkennen und es für die Bühne verfügbar machen, und dazu bedarf es keineswegs der Pappmasché-Helden.